Geschichte
Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes – also der Boden, auf dem wir stehen und bauen.(Hans von Keler (*1925), dt. Theologe)
Geschichte ist der Boden auf dem wir stehen und bauen, das gilt besonders für einen Verein wie unsere Narrenzunft, die sich aktiv für den erhalt des Brauchtums einsetzt und damit ein Stück Geschichte lebendig macht. Vor einigen Jahren hat unser ehemaliger Zunftmeister Horst Bäckert das Große Narrentreffen in Lindau zum Anlass genommen und die Grundlage unserer Geschichte in seiner einmaligen Art niedergeschrieben: Die Geschichte der Stadt Lindau, die Geschichte der Fasnacht in Lindau und die Geschichte der Entstehung unserer Zunft.
Die Geschichte unserer Zunft erzählt unsere Chronik und wer die Geschichte maßgeblich gestaltet hat, erfahren Sie in unserer
Personenchronik.

Über unsere Geschichte
Die Altstadt von Lindau liegt wirklich auf einer Insel im Bodensee; erst 1922 kamen durch Eingemeindungen die weit ausgedehnten Uferdörfer Reutin, Aeschach, Hoyren usw. dazu. Ursprünglich waren es sogar drei Inseln, die durch Aufschüttungen zusammengefügt wurden. So entstand aus einer Reform das für Lindau typische „Stadtteildenken“, das äußerlich dadurch sichtbar wird, dass man in Lindau zuerst Reutiner, Aeschacher oder Zecher ist, dass man aber auch für jeden Stadtteil eigene Vereine, Turnhallen oder Schulen gründete bzw. unterhielt. Man muss Lindauer sein, um das in der ganzen Tragweite begreifen zu können. Vielleicht ist diese Stadt aus diesem Grunde auch so liebenswert.
Im Wappen führt die Stadt Lindau einen Lindenbaum. Es ist aber fraglich, ob der so mild klingende Name von den Linden herkommt, die in früheren Zeiten, aber auch noch heute, auf der Insel wuchsen; denn er kann genauso gut von dem keltischen „lint“ herrühren. In der Sprache der Kelten, den einstigen Landesherren, hieß „lint“ der Sumpf und deutete auf das Sumpfgelände hin, das zweifellos auch um Lindau vorhanden war. Lindau könnte im Wappen daher auch einen Lintwurm führen.
Ausgesprochen stolz sind die Lindauer auf ihre römische Vergangenheit; denn während anderswo noch die Ureinwohner Wildschweinen in den Wäldern nachwetzten, hatte man hier schon Kultur! Die „Heidenmauer“ am Altstadteingang, ein wuchtiger Turm aus Findlingsquadern gebaut, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein ehemaliger römischer Wachtturm. 1961 wurden in Aeschach, der Gartenstadt Lindaus, auf einem Uferhügel weitere römische Befestigungen gefunden. Nach den Kelten und Römern wurden die Alemannen Herren im Lande, kein Wunder also, dass sich Lindaus Narrenzunft dem Alemannischen Narrenring anschloss.
Um 810 wurde auf der Hauptinsel vom Grafen Adalbert von Rätien ein Kloster für Benediktinerinnen gegründet. Neben diesem Kloster siedelten die Fischer. Diese hatten schon um 800 das älteste Kirchlein der Stadt, die dem Schutzheiligen der Fischer geweihte Peterskirche, errichtet. Allerdings war das zunächst wahrscheinlich ein Holzbau, weil es ja notwendig gewesen wäre, die Steine mit Schiffen auf die Insel zu transportieren. Als die Kirche dann aus Stein gebaut war, wurde sie reichlich ausgeschmückt. Man konnte sogar feststellen, dass die allmählich verblassenden Fresken im Inneren der heutigen Peterskirche zum Teil Hans Holbein dem Älteren (um 1500) zuzuschreiben sind.
1220 wurde Lindau zur Reichsstadt erhoben, woraus sich die Rivalität zwischen Stadt und Kloster ergab. Das klösterliche „Stift“ musste auf die Beherrschung der Insel verzichten, dafür wurde es 1460 eine reichsunmittelbare Fürstabtei, in dem die Töchter der vor- und fürnehmsten Adelsgeschlechter wohnten. Die Komtessen legten aber keine strengen Gelübde ab, sie konnten das Stift jederzeit wieder verlassen, um z. B. zu heiraten. Dazu legten selbst Äbtissinnen ihr Amt nieder.
Die Reichsstadt Lindau wurde durch den Handel groß. Sie lag und liegt ja genau der Rheinmündung in den Bodensee gegenüber. Das Rheintal war aber schon immer eine ganz natürliche Pforte, die den Weg ins Gebirge über günstige Pässe in den Süden öffnete. Die Frachtwagen karrten über Chur und den Splügenpass hinüber nach Mailand. Von dort gingen die Waren in den Orient und andere kamen auf dem gleichen Wege wieder zurück. Ein Beamter der Reichsstadt, der „Lindauer Bote“, führte mit einer Schar wackerer, bewaffneter Reiter die Warenzüge an. Im Schutze dieser Streitkräfte zogen auch viele Reisende über die Alpen, unter ihnen so bedeutende Männer wie 1786 der fürstlich weimarische Kammerpräsident Johann Wolfgang von Goethe, was bewies, dass man sich den Lindauern anvertrauen konnte âEUR“ und kann!
1523 wurde in Lindau zum ersten Mal „lutherisch“ gepredigt, allerdings war Lindau bereits zwei Jahre später „zwinglianisch“. Der Zwinglianismus wurde durch vorarlbergische und graubündische Prediger, die nach Lindau geflüchtet waren, in die alte Reichsstadt Lindau hineingetragen. Es bildete sich dann aber eine lutherisch-zwinglische Mischform heraus. 1530 fand auf Befehl des Rates der Bildersturm statt. Das und vieles andere veranlasste die letzten vier Barfüßermönche, ihr Kloster an den Lindauer Rat zu verkaufen. 1531 trat Lindau dem Schmalkaldischen Bund bei und beteiligte sich 1546 aktiv am Schmalkaldischen Krieg, was der Stadt jedoch nicht bekam; denn 1547 musste sich die Reichsstadt dem Kaiser unterwerfen und 4000 Gulden Strafe zahlen âEUR“ ein Batzen, den die närrische Zunft heute gut gebrauchen könnte!
Der Versuch, alle wichtigen Ämter mit Katholiken zu besetzen, um so den Katholizismus wieder einzuführen, schlug fehl. Im 30jährigen Krieg wurden alle Akten vernichtet, die über die Ablösung der mehr zwinglianischen Kirchenbräuche durch ein reines Luthertum berichtet hatten, da die Stadt wohlberechtigt fürchten musste, den Schutz des Passauer Vertrages sowie des Augsburger Religionsfriedens zu verlieren. Der 30jährige Krieg ging auch an Lindau nicht spurlos vorbei, schossen doch die Schweden mit schwerem Geschütz in die Stadt. Die Reichsstadt Lindau gewährte andererseits den von den Schweden bedrängten Städten am Bodensee aktive und wertvolle Hilfe, so vor allem auch der arg attackierten Reichsstadt Üeberlingen, der nicht nur mit „frischen“ Stadtknechten, sondern auch mit manchem Sack Korn und anderen Lebensmitteln ausgeholfen wurde.
Aus dieser Zeit stammt auch das „Erdmandl“: ein aus Stein gehauenes Hochrelief, das in "Ehrenmännlis Loch" - "einer Höhle in Bösenreutin bei Lindau" gefunden wurde und vermutlich eine Teufelsfigur darstellt, die sich vorzüglich als Fasnachtsfigur geeignet hätte, wenn der Protestantismus nicht so stark in Lindau verwurzelt gewesen wäre.
1802 verlor Lindau die Selbständigkeit als Reichsstadt, und das Damenstift wurde verweltlicht. Lindau kam zum Fürstentum Bretzenheim, dann zu Österreich und 1805 endgültig zu Bayern. Zur Zeit Napoleons spielt der weltberühmte Roman „Der liebe Augustin“ von Horst Wolfram Geißler. Zwar ist der Rahmen des Buches historisch, und das idyllische Häuschen „Zum lieben Augustin“ steht in unmittelbarer Nähe des Hafens, doch ist die Gestalt des Romanhelden âEUR“ der lebenslustige, optimistische Augustin âEUR“ frei erfunden. Wahrscheinlich hätte sich auch, wenn man die Lindauer Mentalität kennt, kein wahrhaft echter Lindauer Bürger als Vorbild dieses lieben Augustin gefunden. Oder etwa doch?
Mit Beginn der Industrialisierung im letzten Jahrhundert blühte die Stadt noch einmal auf. Der Handel und ein ungeahnter Getreide-Boom halfen zwischen 1854 und 1900 die Stadtkasse und die privaten Geldschränke zu füllen. Lindau wurde ein Hauptumschlagplatz für vorwiegend ungarisches Getreide, das ursprünglich mit Frachtfuhrwerken, ab 1854 mit der Bayerischen Eisenbahn hierher transportiert wurde, um in die Schweiz oder nach Frankreich weitergeleitet zu werden. Was sich hier bald nach der Eröffnung der bayerischen Eisenbahnstrecke an handelspolitischen Entwicklungen abzeichnete, hört sich heute geradezu märchenhaft an. Bereits im ersten Jahr nach der Eisenbahneröffnung brachte Lindau 175 000 Scheffel Getreide zur Ausfuhr, womit nicht weniger als 5,5 Millionen Gulden Einnahmen erzielt werden konnten. Bereits ab 1861 kamen Tag für Tag wenigstens 120 Waggons Getreide an. Fahrbahnen, Schuppen, Verladeeinrichtungen mussten aus dem Boden gestampft werden. Allein zwischen 1865 und 1867 gingen etwa eine Million Zentner Getreide durch Lindau.
Der jährliche Gewinn der Stadt lag bei etwa 40 000 Gulden. 1882 registrierte man sogar 669 000 Doppelzentner ungarischen, russischen und rumänischen Weizens. Der Höchstjahresumsatz belief sich in dieser Zeit auf etwa 19,2 Millionen Mark, nach damaligen Maßstäben eine riesenhafte Summe. Längst waren ein hauptamtlicher Schrannendirektor, eine Schrannen-Ordnung, eine Getreidebörse mit Schiedsgericht in Funktion. Dank eines gesunden Kaufmannsgeistes flossen der Stadt jährlich gut und gern zwischen 60 000 und 80 000 Mark aus dem Erlös des Getreidegeschäftes zu.
1884 wurde die Arlbergbahn-Linie eröffnet, mit dem weitaus kürzeren Schienenweg von Südösterreich nach der Schweiz. Damit begann der Anfang vom Ende der Herrlichkeit, denn Lindau verlor seine Bedeutung als Umschlagplatz. Zwar brachte um die Jahrhundertwende die Zufuhr von bayerischem Hafer den städtischen Schrannenbetrieben noch einmal einen bescheidenen Aufschwung. 1933 war aber die Stadt gezwungen, den Lagerhausbetrieb endgültig aufzugeben.
An Stelle des Güterumschlages trat nun der Fremdenverkehr. Jährlich wurden in guten Zeiten 500000 und mehr Üebernachtungen in den Lindauer Hotels, Pensionen und Privatzimmern und auf dem Zeltplatz erreicht. Neben den Erholungsreisenden kommen jährlich Zehntausende als Besucher von Tagungen und Kongressen. Seit 1950 wird alljährlich die Lindauer Psychotherapiewoche âEUR“ eine internationale Fortbildungsveranstaltung für Ärzte âEUR“ abgehalten; seit 1951 die Tagung der Nobelpreisträger, von der Spötter behaupten, sie sei eine „noble Preisträgertagung“. Immerhin wurde Lindau gerade durch diese Tagung in allen Weltteilen berühmt, berichten doch Jahr für Jahr darüber nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch die internationalen Rundfunk- und Fernsehstationen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Stadt und der Landkreis Lindau ein selbständiger Zwergstaat mit einem eigenen „Landesvater“, dem Kreispräsidenten, und eigenem Staatshaushalt. Dies hatte sich rein zufällig durch die Grenzen der Besatzungszonen ergeben. Der Landkreis mit der Stadt Lindau wurde von französischen Truppen besetzt, während das übrige Bayern von amerikanischen Truppen überrannt wurde. Damals, unter dem Kreispräsidium, brachen noch einmal goldene Zeiten für Lindau an. Allerdings will man heute davon nicht mehr allzu viel wissen bzw. man flüstert darüber nur noch hinter der vorgehaltenen Hand. So schnell ändern sich eben die Zeiten.
Welche Möglichkeiten für Lindau offen standen, soll aber daran erkennbar werden, dass es sich bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland staats- und völkerrechtlich hätte durchaus für souverän erklären und einen kleinen Staat nach monegassischem oder liechtensteinischen Vorbild hätte gründen können. Die Väter des Grundgesetzes vergaßen nämlich âEUR“ aus Unkenntnis oder weil Lindau wohl noch keine Nobelpreisträger-Tagungen hatte und daher noch nicht so weltberühmt war âEUR“ bei der Aufzählung der nach dem Zweiten Weltkrieg bestehenden deutschen Länder in der Präambel des Grundgesetzes ausgerechnet das „Land Lindau“. Es spricht für die Bürger dieses Kreises, dass damals die Gründung des neuen Staates „Lindau“ unterblieb. Sie haben aber andererseits die Chance ihres Lebens, in den Blickpunkt der Weltpolitik zu geraten, auf alle Zeiten vertan.
Ob hier das „Inseldenken“ der Lindauer zu spät gezündet hat? Oder ob es das damals offensichtliche Fehlen einer fundierten Narrenzunft in der Inselstadt ausgemacht hat, die auf diese einzigartige Möglichkeit sicher hingewiesen haben würde, wer weiß es! Hin ist hin âEUR“ und futsch ist futsch, grämt Euch nicht, s‘ hat keinen Sinn, muss man hier denken. Und nicht nur bei dieser einzigartigen Möglichkeit, sondern auch bei der Rückkehr Lindaus in den Schoß des Freistaates Bayern, am 1. September 1955, wo man âEUR“ statt mit Schulden über Schulden, dafür aber mit allen nur erdenklich-möglichen Fremdenverkehrseinrichtungen, z. B. einem würdigen Ersatz der altehrwürdigen Sängerhalle, dem Lindauer Denkmal des ewigen Provisoriums, ausgestattet - sich mit vollem Säckel unter die Pranke des bayerischen Löwen zurückbegab!
Seit diesem Tag wacht der bayerische Löwe wieder zu Recht an der Lindauer Hafeneinfahrt, und ob der eingebrachten finanziellen Morgengaben soll sogar seit jenen Tagen ein leicht hämisches Grinsen auf seinen Gesichtszügen liegen!
Der 1. Juli 1972 ist das letzte große historische Datum in der reichen, bewegten Geschichte dieser so liebenswerten Stadt: Der Kreisreform fiel die alte Kreisfreiheit zum Opfer! Der Landkreis Lindau konnte nur durch die Verschmelzung der kreisfreien Stadt Lindau mit dem alten Landkreis Lindau erhalten werden. Und damit hat die letzte alte Freiheit Lindaus ein Ende gefunden. Nur in der Fasnacht, vom Gumpigen Donnerstag bis zum Aschermittwoch, lebt die alte Freiheit wieder auf, um so die große geschichtliche Tradition unserer Stadt wenigstens in der närrischen Zeit zu wahren und zu pflegen.
Vieles gäbe es noch zu berichten, mehr oder weniger Wissenswertes! Wir wollten unsere Stadt nur in ganz groben Zügen, lückenhaft und ein wenig mit närrischem Spott versehen, vorstellen; denn Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich immer der erste Weg zur Besserung.
Sie, liebe Gäste, die Sie einem Ereignis beiwohnen, das sicher auch in die Geschichte unserer Stadt eingehen wird, befinden sich jedenfalls in Lindau in bester Gesellschaft: Weltpolitiker, Dichter, Wissenschaftler, Nobelpreisträger der ganzen Welt, Künstler, Schauspieler und „Schaustellerinnen“, Kurgäste, Gammler, um nur ein paar Gattungen der Spezies Mensch anzusprechen, weilten schon in Lindau! Und jetzt also Narren. Narren oder solche, die sich dafür halten. Echte, verschämte, offene, verbrämte, heimliche, zeitweilige, ganzjährige, unverbesserliche, brauchtumsbewusste, -unbewusste, verschmitzte, hinterfotzige, listige, ehrliche und sonstige Narren! Der Reigen schließt sich also, denn bei den „Narreteidungen“, beim „Mummenschanz“ beginnt vielleicht die wahre Menschlichkeit.
Die Einheimischen mögen mir diesen prosaischen Erguss verzeihen; sie wissen ja alles noch viel besser als der unwürdige Schreiberling dieses närrischen Epos! Ob sie aber ihre Stadt so lieben wie er, das mag doch dahingestellt sein; denn es zeigt sich immer wieder, auch das ist so eine Eigenheit dieser wunderschönen Stadt, dass „Zuagroaste“, „Nei- oder Reigschmeckte“ sich ihr mehr und inniger verbunden fühlen als die Insulaner, von den Aeschachern, Reutinern, Zechern, um nur einige zu nennen, ganz zu schweigen. Liegt darin wohl das so schwer verständliche Geheimnis dieser schönsten Stadt im Bodensee?
Literaturnachweis: Bäckert, Horst (1973), Die Lindauer Fasnacht – Festschrift zum großen Narrensprung, 1. Auflage, Herausgegeben von der Narrenzunft Lindau (B) e.V., Seiten 15-22
Fasnachtsgeschichte
Über unsere Geschichte
Die wichtigsten Passagen dieser undatierten und nicht signierten Pergamenturkunde lauten im Originaltext:
“ … wan sol och hunre geben in dem herbest vud vor der vastnaht, so si von den gutern koment, etewie dicke, dor der vastnaht drie tage sol man geben zwo trahte von vlaische vud ze naht aine, und an dem zistage ze naht drie trahte von vlaische vnd von hunren vnd crafhen… Daz gut ze ahha, daz min vro vdelhilt kofte,… drie tage zer vastnaht git man vlaisch vnd hunre vnd ze naht ander vastnaht drie trahte von vlaische vnd hunre vnd craffeln vnd kacheln vnd phannebrot vnd denne alle vasten vior trahte alle tage vnd dristunt in der wo¬chun krut vnd vische vnd an dem vritage gronie vische vnd phannebrot…“
Zwar sagt diese bei den Urkunden zum Stift Lindau befindliche Pergamentrolle, die im Bayerischen Staatsarchiv aufbewahrt wird, nichts über fasnächtliches Brauchtum in Lindau aus, doch bleibt die Erwähnung der Fasnacht in den Bestimmungen über die Versorgungsansprüche der Lindauer Klosterfrauen als wichtiger Abgabetermin und Zinstag ein Beweis dafür, daß bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Fasnacht in Lindau bekannt war und wohl auch begangen worden sein dürfte.
Eine zweite Aussage, allerdings recht vage, stammt aus einem Ratsprivileg der Stadt, die 1428 einer Kornhändlerzunft am Schrannenplatz das Recht einräumte, ihre Kinder im Brotbacken zu unterrichten. In Erinnerung an dieses Vorrecht wurde der Köfflerwecken geschaffen, der nur in der Fasnacht verkauft wird.
Deutlicher wird die Zuchtordnung aus dem Jahre 1533, die am 23. Februar zum ersten Mal und am 6. Juli des gleichen Jahres zum zweiten Mal von den Kanzeln verkündet wurde. Ihr Titel lautet:
„Burgermaister, rat und gemaind der statt Lindaw ordnungen wider allerley ergernussen und laster angesehen und furgenommen.“ In ihr sieht die Stadtobrigkeit ihre Pflicht darin, Laster auszurotten und Tugend zu pflanzen. Zu diesem Zweck werden die Zunftmeister der Stadtzünfte zu „Zuchtherren“ eingesetzt, die „ein fleißig Aufmerken haben und stracks dapfer handeln“ sollen, aber auch „des Lasters argwöhnige Personen, Gehässige, Bolderer“ und dergleichen in Stille väterlich ermahnen müssen.
Das Tanzen wurde gänzlich verboten, wobei für jeden Tanzenden eine Strafe von zwei Batzen, für die beteiligten Spielleute jedoch eine solche von fünf Batzen ausgesprochen wurde. Fluchen, Gotteslästerung, Schwören, Zu- und Volltrinken, Jauchzen, Schreien, Singen auf den Gassen, Karten- und Würfelspiel, „wucherliche und böse Käufe, unziemliche Kontrakten und Hantierungen“ werden ebenso unter Strafe gestellt wie „zerhauene“ (geschlitzte) Kleider und Ehebruch. Dass die Aufrechterhaltung dieser Ordnung natürlich nur möglich war, wenn die Verpflichtung zur Anzeige bestand, zeigt die ganze Naivität dieser Zuchtordnung, die in dem entsprechenden Abschnitt besagt, „daß, wo man solches nicht angäbe, Böses hernach folgen würde“. Kein Wunder also, dass man besondere Bestimmungen zum Schutze der Zuchtherren und Anzeigenden anführen musste, in denen all jene, die sie schmähen oder Verräter nennen sollten, mit „härtiglich“ Strafen bedroht wurden.
Diese Zuchtordnung von 1533 ist ein Werk der ersten Begeisterung für das neu geschenkte Evangelium. Nachweislich wurde 1523 erstmals in Lindau „lutherisch“ gepredigt. Der erste Lindauer Reformator dürfte Michel Hugo gewesen sein, der die neue Lehre einführte. Dieser neuen Lehre stand der Rat der Stadt ziemlich aufgeschlossen gegenüber. Ende 1525 war der Einfluss des Schweizer Reformators Zwingli in Lindau stärker geworden. Der Zwinglianismus dürfte durch aus Vorarlberg und Graubünden vertriebene Prediger, die im Sommer 1525 nach Lindau geflüchtet waren, in die Stadt hineingetragen worden sein. Es bildete sich dann eine lutherisch-zwinglianische Mischform heraus, die jedoch 1530 ein Ende hatte, als der Rat einen Bildersturm anordnete. Daraufhin wurde der Gottesdienst in Lindau wohl nur noch „schweizerisch“ gefeiert, nachdem schon zwei Jahre früher, 1528, die Messe in St. Stephan abgeschafft worden war. Die letzten vier Barfüßermönche hatten schließlich eingesehen, dass ihr Dasein in Lindau nicht mehr tragbar war, und so verkauften sie ihr Kloster an den Rat der Stadt Lindau. Drei Jahre früher waren schon die „Schwestern am Steg“ evangelisch geworden. Wann die zwinglianischen Lindauer Kirchenbräuche durch reines Luthertum abgelöst wurden, ist nicht genau bekannt. Man vermutet, dass die entsprechenden Akten im 30jährigen Krieg vernichtet wurden, um Schaden, der sich aus dem Augsburger Religionsfrieden ergeben konnte, von der Stadt abzuwenden.
Diese kurze Abschweifung in die Lindauer Kirchengeschichte ist notwendig, um die Zuchtordnung des Jahres 1533 voll zu verstehen. Ohne den starken Einfluss Zwinglis und völlige Ausschaltung der katholischen Kirche wäre wohl eine solche Zuchtordnung nicht möglich gewesen, denn sie unterband neben schweren Lastern und Unsitten auch Volksbräuche. So ist es kein Wunder, dass der Spott der „Zuchtlosen“ nicht verstummte und beispielsweise Einschränkungen des Trinkens sowie das Verbot des Zutrinkens in den Zunftstuben immer wieder Erregung und Widerstand auslösten.
1539 wurde diese Zuchtordnung erneut in Stadt und Land verlesen. 1542 gab man sie âEUR“ von Gaßner kurz zusammengefaßt âEUR“ wiederum öffentlich bekannt. Diese Zusammenfassung der Zuchtordnung gab wahrscheinlich die Anregung, die zehn Gebote am Rathaus bildlich darzustellen.
Von 1551 an gab es keine Zunftmeister, also auch keine „Zuchtherren“ mehr. An die Stelle der Zunftmeister traten die Räte. Die Zuchtordnung bedurfte also einer Erneuerung, die 1554 erfolgte. Diese Neufassung der Zuchtordnung stellt die älteste und klarste Aussage über die Lindauer Fasnacht dar. Sie ist es wert, in den entscheidenen Passagen wörtlich zitiert zu werden:
„Von mumereien,
und nach dem aus Faßnachten und mumereyen allerley leichthfertigkeit erfolgt, dieselben uns auch nach gestallt und gelegenheit jeziger läuff, in unserer Statt und obrigkeit kainz wegs zu gedulden gemeint sein will. So sollen demnach dieselben faßnachten, mumereyen, purschen und mumschanzen hiermit genzlich verboten sein, und da darüber einer oder mer heimlich oder öffentlich begriffen, oder sonst von im erfaren würde, sollen ein yeder derselben yedesmal unangesehen welcher arten sie sich angelegt hetten 4 gulden zu straff verfallen sein, danach wiß sich meniglich zurichten, und vor schaden zuverhüten.“ (Archiv 57.13)
Fasnachtstreiben und -vermummung wurden also auch mit einer empfindlichen Geldstrafe belegt. Das schien aber nicht viel zu fruchten, denn als 1573 der Bodensee zugefroren war, gingen die Bregenzer „vermummt“ auf das Eis und trafen sich dort mit Leuten aus der näheren Umgebung, also auch mit Lindauern, die sicher ähnlich „vermummt“ gewesen sein dürften.
1604 wurde in der von Dr. Daniel Heyder ergänzten Zuchtordnung jede Art von „Fasnachtsmummereien“ verboten. Auch diese Verbote scheinen vergeblich ausgesprochen worden zu sein, denn 1617 ist wiederum in einem Ratsprotokoll zu lesen: „Ist Errathen, daß denen Mezgern, Kueffern und anderen handwerckhern welche herumb spiehlen, die vermumbte Fasnacht buzen wie auch das Danzen uff der gassen, und ander ungebuhr sollte abgeschafft werden. âEUR“ Wird den Zunftobmännern, auch den Schneidern und Bindern angezeigt!“
Zwei Jahre später, 1619, heißt es in einem anderen Ratsprotokoll: „Faßnacht âEUR“ es sollen alle mummerey, Item die Spill auff der gassen und in Würtsheusern, Daß danzen und alles anderst lautes wesen abgestellt werden“.
Fotokopien der Urkunde um 1300, der Zuchtordnung des Jahres 1554 sowie der beiden Ratsprotokolle von 1617 und 1619 stellen unseren wichtigsten und wertvollsten Archivschatz dar. Nach einem Ratsprotokoll von 1621 ersuchten Metzger, Küfer und Spielleute um Tanzerlaubnis für die Fasnachtstage. Diese Bitte wurde jedoch abgeschlagen mit dem Zusatz: „Auch sonsten die Ungebühr und geiol. Auch den Kueschellen uff der gassen, bei ihnen abgestellt. Sub commendatione“.
1624 stellten wiederum die Küferknechte den Antrag, während der Fasnacht tanzen zu dürfen: „Kuefferknecht halten an in der Fasnacht, wan sie daß faß machen daß Spill zu erlauben, daß sie ein ehrbarlichen danz mit bescheidenheit thon mögen. Es ist ihnen abgeschlagen.“
Aus diesem knappen Quellenmaterial ist ersichtlich, dass das Fasnachtsbrauchtum in Lindau von den Zünften getragen wurde. Durch die Bekanntgabe der Verbote in corpore ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Fasnachtsbrauchtum innerhalb der Handwerkerzünfte allgemein verbreitet war.
Das Fasnachtstreiben erstreckte sich nicht nur auf Zunftstuben und Wirtshäuser, sondern auch auf Gassen und Straßen, in denen die Vermummten tanzten und lärmten. Es kann also schon von einer Lindauer Straßenfasnacht in dieser Zeit gesprochen werden, zumal aus Hinweisen zu schließen ist, dass sich die Vermummten auch schon zu regelmäßigen Umzügen zusammenfanden.
Die in den Protokollen immer wieder erwähnten Begriffe „buzen“ oder „Butzen“ bezeichnen zwar keine spezifischen Masken, sondern Vermummte oder Maskenträger schlechthin. Das gilt auch für die erwähnten Schellenträger, die zweifellos mit den im alemannischen Raum beheimateten „Gschellnarren“ zu vergleichen sind.
Als besonderer Lindauer Fasnachtsbrauch ist eine Art Schäfflertanz bei den Küfern anfangs des 17. Jahrhunderts erwähnt. Diese Veranstaltung war an die Fasnacht gebunden.
Auch im ländlichen Bezirk des reichsstädtischen Gebietes gab es Fasnachtsbräuche. Stadt und Land standen in regem Austausch und waren wirtschaftlich, rechtlich und auch personell zu einer Einheit zusammengeschlossen. So wird in einem Hospitalischen Amtsprotokoll (Reichsstädtische Akten 22,4) 1619 erwähnt, dass zwei spitalische Untertanen mit der hohen Geldstrafe von einem Pfund Pfennige belegt werden, weil sie „gegen den Vertrag“ mit Trommeln und Pfeifen zur Fasnachtszeit in Leimnau und Apflau, niederen Lindauer Gerichts, herumgezogen sind. 1660 (ebd.) lässt der Bäcker zu Leimnau zur Fasnacht gegen das Verbot tanzen und 1668 (ebd.) wird ihm das Abhalten eines „Hanen Tanz“ vorgehalten.
In einem Brief der Lindauer evangelischen Prediger 1659 an den Syndikus der Stadt Lindau, Dr. Valentin Haider, wird bewegt Klage über die dem Gottesdienst so abträglichen Komödienaufführungen der Bürger geführt. Es wird darin erwähnt, dass die „moriones und derselben Narretheidungen auf den Sabbath gar nicht vrumen“ (Reichsstädtische Akten 98/2 a). Diese Klage gab den Anlass zu einer Eintragung in das Ratsprotokoll im gleichen Jahr, in der die „Komödianten“ ermahnt wurden, „sie sollen die Predigten nicht versäumen und die Narren abschaffen“.
Das beweist, dass auch in Lindau die Narren in das christlich-moralische Spiel eingedrungen sind und in Interludien und Nachspielen schwankhafter Prägung ihr Wesen getrieben haben, wie sie auch sonst in den oberdeutschen Handwerkstheatern und Fasnachtsspielen belegt sind. Die „moriones“ dürften mit einiger Wahrscheinlichkeit auf typische, schwarze Masken zurückzuführen sein, die auch noch heute in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht oder „Fasnet“ lebendig sind.
Auch das Lindauer Schultheater des 17. Jahrhunderts blieb nicht ganz frei von diesen Einflüssen, wie aus einer Entgegnung des Rates auf die geharnischten Kanzelreden der Geistlichkeit gegen das Komödienspiel hervorgeht: „Ist nun Comoedienhalten Unrecht, so hetten teils die Herren Geistlichen vormahls nicht selbsten die ienige seyn sollen, welche angefangen, recommendiert, dirigiert, ballet, Mohren und andere kurzweilige Tänze darbey öffentlich gehalten und aufgeführt“, wie es in einem Ratsdekret von 1670 heißt. (Reichsstädtische Akten 98 / 2 a).
Im 17. und 18. Jahrhundert schweigen die Quellen, wenn man von den allgemeinen Verboten der „Mummereien und Umzügen zur Fasnacht“ in den erneuerten städtischen Polizeiordnungen von 1735 und 1739 und einem Eintrag ins Ratsprotokoll von 1714 absieht, in dem auf einem Fasnachtsumzug hingewiesen wird:
Die protestantische Reichsstadt Lindau hatte eine katholische Enklave, das Lindauer fürstliche Fräulein-Stift, das in ständiger Verbindung und regem Austausch mit den ebenfalls katholischen Nachbarn stand. Gegenseitige Besuche hochgestellter Persönlichkeiten waren häufig üblich, wobei die protestantische Stadtregierung sehr wohl ihre Würde als Gastgeber gegenüber den Nachbarn zu wahren wusste. Als 1714 der Bregenzer Obristleutnant Schneidinger dem Amtsbürgermeister von Lindau einen Fasnachtsumzug, „so in 30 Personen bestehen und auf einem Wagen oder Wurst hereinfahren soll“, ankündigte, ordnete die Stadt an, die Wachen zu verstärken. Da sich aber auch der Obristleutnant als Teilnehmer des Zuges angemeldet hatte, wurden die Wachen angehalten, „wo alles vermasceriert wäre, das gewöhr ihnen nicht zu praesentieren. Wo aber der Herr Obrist Lieut. nicht masceriert wäre, soll das Gewöhr praesentiert werden“.
Hier zeigen sich bereits starke karnevalistische Züge, die mit der Fasnachtsüberlieferung der Handwerker in keinen Zusammenhang zu bringen sind.
Außer diesen kurzen Hinweisen legen nur noch die Anträge der Tafernwirte (konzessionierte Wirtschaften) von rund 15 Dörfern hohen und niederen Lindauer Gerichts zwischen 1718 und 1739 und von den Hauptleuten genehmigte Anträge auf Tanzerlaubnis während der Fasnachtszeit Zeugnis von bestehenden Fasnachtsbräuchen ab. (Reichsstädtische Akten 21,1.) Dabei ist die wechselnde Bezeichnung für die Fasnachtszeit recht aufschlussreich; so wird 1718 vom „jetzigen Fasching“ gesprochen, 1724 von „Faßnachtstäg“ und 1725 „auf die Faß nachten“. Bedeutsam scheint hier die frühe Erwähnung des Begriffes „Fasching“ zu sein.
Erst im Ratsprotokoll von 1802 finden sich wieder Notizen, die auf ein Fortleben der Fasnachtsbräuche in den Zünften schließen lässt: Der Metzger Thomann und seine Knechte (Gesellen) wollten einen Fasnachtsumzug veranstalten. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Entgegen dem Verbot führten ihn die Gesellen in stark angeheitertem Zustand âEUR“ unter Zurückhaltung der Meister âEUR“ durch. Die Ertappten wurden vor den Rat zitiert, wo man die Namen der nicht ertappten Maskierten verschwieg. Einige Gesellen beriefen sich auf erlaubte Bräuche in ihren Heimatstädten Leutkirch und Memmingen.
Im 19. Jahrhundert scheint sich die Lindauer Fasnacht immer mehr in Tanzsälen abgespielt zu haben. Zahlreiche Anzeigen in den damaligen Zeitungen wiesen auf Maskenverleih und auf Maskenbälle hin. So inserierte 1825 z. B. Jeanette Kirschner: „In der Bürstergasse Nr. 226 sind schöne Maskenkleider um billigen Preis zu haben“, oder „Schöne Maskenkleider sind auszuleihen bey Marie Krug“. Im Intelligenzblatt vom 12. Februar 1828 ist folgende Veröffentlichung zu lesen: „Am Dienstag, d. 19. d. Mts. wird in der Harmoniegesellschaft in ihrem Lokal Ball gegeben, welcher Abends 7 Uhr anfängt und bis 4 Uhr des darauffolgenden Morgens dauert. Die Eintrittsgebühr für jeden Ballbesucher ist wie bisher auf 36 Kr. festgesetzt. Hierbei wird noch bemerkt, daß nur anständige Masken, welche die bestimmte Eintrittsgebühr bezahlen, Zutritt haben. Lindau, 11. Febr. 1828, Stief, Sekretär“.
In der gleichen Ausgabe empfiehlt sich auch Johannes Schielin, Schwanenwirt in Schachen, der bekannt gibt, dass am „kommenden Faßnacht-Sonntag, den 17ten Februar in Schachen Bad gut besetzte Tanzmusik gehalten wird“. Die Konkurrenz fehlte natürlich nicht, wie aus der Anzeige von Georg Schlatter, Zum Schaf, zu ersehen ist: „Am 17. Febr., also am Faßnacht-Sonntag, ist Ball mit gut besetzter Musik gegen 24 Kr. Entree für Herren (Frauenzimmer sind frei). Anständigen Masken ist der Eintritt à 24 Kr. pro Kopf gestattet“.
Erst 1903 wurde âEUR“ nach unseren vorliegenden Quellen âEUR“ in Lindau wieder ein Fasnachtsumzug abgehalten. Anlässlich dieses Ereignisses druckte man eine Festschrift mit dem Titel „Einzug des Prinzen Carneval in Klein-Venedig“. Diese Festschrift war allerdings mehr ein Programmheft, in dem die Reihenfolge des Zuges und die Bedeutung der Wagenmotive angekündigt wurden. Bemerkenswert an diesem Fasnachtsumzug ist die Glossierung anscheinend auch damals hochaktueller Themen, wie ein Wagen unter dem Motto „Die notleidenden Landwirte“ zeigt. Natürlich wurde auch Lokalkolorit gezeichnet, z. B. die „Vereinigung von Aeschach mit Lindau“ oder die Einrichtung von „Tramkarlinien“ zwischen Lindau und den damals noch nicht eingemeindeten Orten Reutin, Aeschach und Schönau. Aber auch die Bespöttelung bestimmter Stadtereignisse kam nicht zu kurz, wie die Wagen „Damische Schusterei und ihre Folgen“, „Sonntags-Ruhe“ oder „Zukunfts-Volksschwämme“ beweisen.
In diesem reich bebilderten „Carnevals-Festzug am Fastnachts-Montag“ (wörtliches Zitat!) zeichnet ein „Narrenrat des Faschingsfestes“ verantwortlich. Vor dem Ersten Weltkrieg bestand eine „Lindauer Karnevals Gesellschaft e. V. gegr. 1909“, die in einem uns vorliegenden Heft zu einem Großen Karnevalistischen Konzert am Sonntag, den 31. Jan. 1909 nachmittags 5 Uhr 11 Minuten unter Mitwirkung der Kapelle des königl. bay. 20. Inf. Rgts. „Prinz Rupprecht“, einlud. Die Schrift wurde im Selbstverlag des Elferrates der „L. K. G.“ herausgegeben und bei Gebr. Berchtold, Buchdruckerei Acherer, hergestellt. Neben einem 20 Nummern enthaltenden Programm wurden auch Liedertexte abgedruckt, darunter das Lied „Fidele Fasnacht“. Auch Werbeanzeigen renommierter Lindauer Firmen sind darin enthalten, so eine Anzeige der Inselbrauerei Lindau, der Steigbrauerei, der Hotels „Helvetia“ und „Reutemann“, um nur einige aufzuzählen. Es gab also schon ein organisiertes Lindauer Fasnachtsleben.
In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts bestand nachweisbar eine Faschingsgesellschaft Lindau-Reutin. In dieser Zeit bürgerten sich in zunehmendem Maße Sonderausgaben von „Faschingsbeilagen“ in den Tageszeitungen ein, in denen Stadtgeschehen glossiert wurde. Der Zweite Weltkrieg machte dem Fasnachtsgeschehen endgültig ein Ende.
Literaturnachweis: Bäckert, Horst (1973), Die Lindauer Fasnacht, 1. Auflage, Herausgegeben von der Narrenzunft Lindau (B) e.V., Seiten 31-40
Entstehung der Zunft
Über unsere Geschichte
So ist es auch gar nicht weiter verwunderlich, dass man in Lindau nach diesem „Abirren“ wieder zur historisch-traditionellen, schwäbisch-alemannischen Fasnacht zurückfand. Der erste Schritt dazu dürfte noch von der damaligen Faschingsgesellschaft gemacht worden sein, als sie 1960 eine erste Maskengruppe gründete, nämlich die Lindauer Moschtköpfe, die die typischen Merkmale der heimischen Fasnacht aufweisen. 1962 kam die Umbenennung in „Faschingsgesellschaft Lindau (B) mit Narrenzunft Lindauer Moschtköpf e. V.“. Diesem „neuen“ Verein war es nicht vergönnt, von sich aus die Wende zur bodenständigen Fasnacht zu vollziehen. Sie nahm eine rückläufige Entwicklung und geriet 1963 in eine so ernste Krise, dass sie praktisch zu bestehen aufhörte.
In dieser Situation fanden sich einige beherzte Männer, vor allem Rolf Trexler, der bekannte Puppenspieler, der den Weg wies, aber auch Heinrich Steil, Ludwig Stetter, Fritz Schmitt, Artur Buchberger, Josef Bogner, Jakob Gruber, Werner Steck u. a., die 1964 die Narrenzunft „Lindauer MoschtköpfeâEUR e. V. gründeten. Diese Zunft bestand anfangs aus drei Gruppen: dem Zunftrat (an dessen Spitze ein gewählter Zunftmeister stand), der vom Zunftrat abhängigen Moschtkopfgruppe sowie der weiblichen Garde, die man noch von der Faschingsgesellschaft übernommen hatte, ebenso wie den Zunftnarren, der im alten Gewand des „Hofnarren“ agierte.
Der Zusammenbruch der Faschingsgesellschaft hatte aber noch eine andere Folge: Unabhängig von der Narrenzunft „Lindauer Moschtköpfe“ entstand 1964 eine neue Narrengruppe, die Lindauer Binsengeister, die sich von Anfang an in Kostüm, Zubehör und Zielsetzung auf die alte, heimische Fasnachtstradition stützte. Die Narrenzunft „Lindauer Moschtköpfe“ und die „Lindauer Binsengeister“ standen sich allerdings in der ersten Zeit nicht sonderlich freundlich gegenüber. Manche Schwierigkeiten mussten ausgeräumt werden, ehe sich im Laufe der Jahre eine Zusammenarbeit entwickelte.
Die Narrenzunft begann nunmehr zielstrebig, typische Fasnachtsveranstaltungen, wie Narrenbaumsetzen, Sturm aufs Rathaus, Umzug am Fasnachtssonntag, Narrenbaumlegen, Fischessen usw. einzuführen. Schon Ende 1968 konnte, nachdem die weibliche Garde abgeschafft worden war, eine neue Narrengruppe, die Lindauer Schanzengarde , gegründet werden, in die nur männliche Mitglieder aufgenommen werden. Die Zusammenarbeit zwischen „Moschtköpfen“ und „Binsengeistern“ war inzwischen soweit gediehen, dass man an eine Reorganisation der Zunft gehen konnte.
1969 vollzog sich innerhalb der Zunft die endgültige Wende zur brauchtumsbewussten, schwäbisch-alemannischen Fasnacht, die durch die Gründung der Narrenzunft Lindau (Bodensee) e. V. sichtbar wurde. Dieser Zunft schlossen sich auch die Binsengeister als Narrengruppe an. Damit begann für die Fasnacht in Lindau ein neuer, bleibendes Brauchtum schaffender Abschnitt.
Der nunmehr konsequent gegangene Weg erwies sich als richtig. Konnte doch die Narrenzunft Lindau (Bodensee) e. V. nicht nur den Zusammenschluss der „Moschtköpfe“, „Schanzengarde“ und „Binsengeister“ verzeichnen, sondern bereits 1969 eine neue Gruppe, die „Lindauer Pflasterbuzen“, aufnehmen. Damit erhielt die Narrenzunft eine Maskengruppe, die bewusst an urkundliche Erwähnungen anknüpft und überliefertes Fasnachtsbrauchtum in der Abhaltung des „Hahnentanzes“ als Buzentanz wiederaufleben ließ.
1970 wurde die letzte Maskengruppe ins Leben gerufen, die “ Lindauer Kornköffler“, die ebenfalls auf Lindauer Brauchtum basiert und ein Ratsprivileg wiederaufleben ließ, das eine Lindauer Kornverkäuferzunft am Schrannenplatz 1428 erhielt, nämlich Brot zu backen und zu veräußern; den Köfflerwecken.
1971 wurde als letzte Gruppe der „Lindauer Fanfarenzug“ gegründet, weil jede Narrenzunft entweder eine „Lumpenmusik“, eine Schalmeienkapelle oder einen Fanfarenzug als Klangkörper besitzt. Anfang 1972 wurde die Schanzengarde neu eingekleidet, die jetzt gewissermaßen die Aufgaben von früheren „Stadtknechten“ übernahm. Im gleichen Jahr wurde das letzte Requisit des früheren Faschings, der Zunftnarr und die Zunftnärrin, abgeschafft, die nunmehr zu Narreneltern in Kostüm und Aufgabe geworden sind.
Die Narrenzunft Lindau (Bodensee) e. V. gab sich in einer am 16. April 1971 verabschiedeten neuen Satzung die wohl strengste Narrenordnung, die man sich denken kann. In ihr wird zum Ausdruck gebracht, dass die Lindauer Fasnacht in Zukunft von verantwortungsbewussten Bürgern geleitet werden soll, „um eine brauchtumsbewusste, ansprechende Fasnacht zu gewährleisten“. Ihr Ziel ist es, „ererbtes, bodenständiges Fasnachtsbrauchtum zu erhalten, zu pflegen und zu fördern“.
Den Mitgliedern der Narrenzunft wird es zur Pflicht gemacht, sich im Häs und unter der Maske einwandfrei zu benehmen, weder unverantwortlichen Unfug zu treiben, noch irgendwelchen Schaden anzurichten, sich weder zu betrinken, noch die Fasnacht als Austobungsfeld erotischer Gelüste zu betrachten. Jeder Verstoß gegen diese Gebote hat den Ausschluss aus der Zunft zur Folge. So ist es auch jedem Zunftmitglied verboten, bei Ordensverleihungen die âEUR“ nach unserer Sicht âEUR“ unpassende Küsserei auszuüben. Dank dieser Satzung und der Tatsache, dass sich die Narrenzunft außerhalb der Fasnacht sozialen, öffentlichen Aufgaben verschrieben hat, konnte sie in kurzer Zeit den Boden gewinnen, der notwendig war, um aus ihrem Wirken ein bleibendes anerkanntes Fasnachtsbrauchtum zu schaffen.
Literaturnachweis: Bäckert, Horst (1973), Die Lindauer Fasnacht, 1. Auflage, Herausgegeben von der Narrenzunft Lindau (B) e.V., Seiten 40-44
Chronik der Zunft
Über unsere Geschichte
Gründung der Narrenzunft Lindau (Bodensee) e.V. aus einem Zusammenschluss der Narrenzunft "Lindauer Moschtköpfe" e.V. und der Lindauer Binsengeister.
Gründung der "Lindauer Pflasterbuzen" in die Narrenzunft Lindau, als erste auf historischem Lindauer Brauchtum basierenden Narrengruppe.
Gründung der Lindauer Schanzengarde, als Hommage an die Lindauer Stadtknechte.
Umstellung und Erneuerung des Häs und der närrischen Utensilien der Moschtköpf.
Heinz Steil wird erster Zunftmeister.
21.06. Die Narrenzunft Lindau tritt als Gründungsmitglied dem "Internationale Narrenring e.V." bei.
1970:
Erster öffentlicher Auftritt der "Lindauer Kornköffler" am 11.11., am früheren Standort der Kornhäuser, dem Schrannenplatz.
Aufnahme des " Fanfarenzug des Kinderfestausschusses Lindau-Reutin" als Gruppe "Lindauer Fanfarenzug" und erster öffentlicher Auftritt beim Häsabstauben am 11.11.
Horst Bäckert wird zum Zunftmeister gewählt.
13.06: Der "Internationale Narrenring e.V." wird unbenannt in "Alemannischer Narrenring e.V."
1971:
Neueinkleidung von Fanfarenzug und Schanzengarde durch Zunftratsbeschluss. Beide Gruppen tragen vortan das bis auf die Kopfbedeckung gleiche Häs.
1972:
Einführung der Narreneltern, als Nachfolge des Zunftnarrenpaares. Agi und Artur Buchberger werden die ersten Narreneltern.
Der Zunftbüttel wird am 11.11. in neuem Gewand vereidigt! Als Büttel hat er die Aufgabe für Zucht und Ordnung in der Zunft zu sorgen, bei Umzügen hat er als Narrenpolizei die Straßen zu säubern.
1984:
Großes Narrentreffen der VSAN in Lindau: Am 28./ 29. Januar zogen über 11 000 Masken-, Hästräger und Musikanten unter einem strahlend weiß-blauen Himmel durch die Inselstadt Lindau an weit über 50000 Zuschauern vorbei. Das Treffen stand unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Franz Josef Strauß und wurde erstmals außerhalb der Grenzen Baden-Württembergs durchgeführt.
Herbert Baldauf wird Zunftmeister.
1989:
28.01: Der Narrenbrunnen am unteren Schrannenplatz wird feierlich eingeweiht. Er von dem aus Lindau stammenden Bildhauers Michael Veit geschaffen. Zur Einweihung wird auch das Amt des Brunnenwächters eingeführt, dessen Aufgabe es ist, auf den Brunnen zu achten und ihn sauber zu halten.. Der Brunnenwächter wird alljährlich beim Häsabstauben mit einer Brotzeit und einem Krug Wein oder Bier für seine Dienste entlohnt.
1999:
Landschaftstreffen in Lindau
2000:
Udo Falge wird zum Zunftmeister gewählt.
11.11.: Rosmarie und Herbert Baldauf treten die Nachfolge als Narreneltern an.
2004:
40jähriges Bestehen der Narrenzunft Lindau.
2007:
Landschaftstreffen in Lindau!
Personen der Zunft
Über unsere Geschichte
1964 – 1968: Ludwig Stetter (noch NZ „Lindauer Moschtköpfe e.V.“)
1968 – 1970: Heinz Steil
1970 – 1984: Horst Bäckert ( âEUR 1995)
1984 – 2000: Herbert Baldauf
2000 – 2016: Udo Falge
2016 – 2020: Jochen Dreher
2021 - heute: Robert Dellinger
Narreneltern:
1972 – 2000: Agi und Arthur Buchberger
2000 – 2016: Rosmarie und Herbert Baldauf
2016 – heute: Doreen und Udo Falge